Geschichte des Flandernbunkers

Flanderndenkmal 1927 Quelle: Kieler Stadtarchiv
Flanderndenkmal 1927 Quelle: Kieler Stadtarchiv

Im Jahre 1943 ließ die Kriegsmarine den sogenannten "Flandernbunker" errichten. Seinen Namen erhielt er nach dem nebenan gelegenen ehemaligen "Flanderndenkmal", das an die Gefallenen des "Marinekorps Flandern" im Ersten Weltkrieg erinnerte. Der benachbarte Marine-Sportplatz trug den Namen "Flandernplatz".

Der Bunker besitzt eine Grundfläche von 550 qm und ist mit seinen drei Etagen 12,5 m hoch. Seine Wandstärke beträgt 2,5 m, die der Decke 3,7 m. Man betrat ihn durch die Eingänge an der West- oder der Ostseite.

Die Eingänge waren jeweils durch Druckschleusen gegen Splitter, Luftdruck und Explosionsgase geschützt.

Im Erdgeschoss führten zwei gegenläufige Treppenhäuser in die beiden oberen Geschosse.

Treppe vom 1. zum 2. Stock Foto: Jan Schwarzenberg
Treppe vom 1. zum 2. Stock Quelle: Jan Schwarzenberg

Der "Flandernbunker" war als Truppenmanschaftsbunker Schutzraum für die Soldaten der 5. U-Boot-Flottille, deren Wohnschiff "Milwaukee" im nahegelegenen Tirpitzhafen seinen Liegeplatz hatte. Weiterhin diente er den Seestreitkräften als Notfall-Kommandozentrale. Seine Typenbezeichnung "T 750" stand für die maximale Anzahl der Soldaten, die er standardmäßig aufnehmen konnte. In ihm waren auch eine Nachrichtenzentrale der Marine sowie Teile der Flugmeldeabteilung West (Friedrichsort) untergebracht. Vom "Flandernbunker" aus wurden Abwehrmaßnahmen bei Luftangriffen sowie Polizei- und Feuerwehreinsätze im Kieler Stadtgebiet koordiniert. Zugang zum Bunker besaßen zunächst nur Marinesoldaten und eingeschränkt auch Angehörige der Marine. Gegen Ende des Krieges wurde der Bunker auch für Zivilisten aus der Umgebung geöffnet.

Flandernbunker - 1. Stock: Durchgang zum "Milwaukee"-Raum (Schutzraum)
Durchgang zum "Milwaukee"-Raum

Die genaue Raumaufteilung ist heute wegen der teilweise herausgesprengten Zwischenwände nur noch zu erahnen. Im Erdgeschoss befanden sich u.a. die technischen Anlagen zur Versorgung der Kommando-Einrichtungen sowie Sanitärräume. Auch von einem Operationsraum wird von Zeitzeugen berichtet.

In der zweiten Etage befanden sich die Räume mit den funk- und nachrichtentechnischen Anlagen, darunter 3 bis 4 Funkkabinen.

Nach dem Kriege wurde der Bunker auf Anordnung der britische Militärregierung zunächst durch Einsprengungen in Decke und Wänden "entfestigt", also für militärische Zwecke unbrauchbar gemacht.

Südseite des Flandernbunkers mit Osteingang (rechts) im Winter 2003 - Einsprengungen in der Bunkerwand
Einsprengungen in der Bunkerwand

Laut einem Artikel in den "Kieler Nachrichten" vom 13. Okt. 1950 sollte auch der Flandernbunker zum Wohnraum - der in den Jahren nach dem Krieg noch sehr knapp war - umgestaltet werden. Doch es kam anders, und er diente als Materiallager zunächst für das Polizei-Beschaffungsamt, dann für die neu aufgebaute Marine. Auch eine Bundeswehr-Apotheke war hierzu geplant. Aufgrund veränderter Bedarfssituation wurde der Flandernbunker schließlich aus dem Bundesbesitz ausgegliedert und an privat verkauft.

Nach langem Leerstand ersteigerte der Verein "Mahnmal Kilian" im Februar 2001 den "Flandernbunker".

Der Flandernbunker - heute

20 Jahre Mahnmal Kilian

Zahlreiche Politiker, Vertreter der Gedenkstätten und Kultureinrichtungen waren unter den über 100 Besucherinnen und Besuchern zur gedenkenden Feier des 20-jährigen Bestehens des Verein Mahnmal Kilian im Flandernbunker. Zu diesem runden Geburtstag des 1995 gegründeten Vereins sprachen Landtagspräsident Klaus Schlie, Kulturministerin Anke Spoorendonk sowie Professor Dr. Dr. Gerhard Fouquet und Uta Körby für die Gedenkstätten Schleswig-Holstein.  

"Der Flandernbunker ist ein Ort, der sich als wichtiges Zentrum zur Vermittlung historischer Kenntnisse für Diskussionen und Ausstellungen etabliert hat", betonte Landtagspräsident Schlie, der selbst ausgebildeter Pädagoge und Historiker ist. Er bezeichnete den Bunker als "Eckstein der schleswig-holsteinischen Gedenkstätten und Vorbild für zivilgesellschaftliches Engagement". Er hob insbesondere den Wert der Vermittlung der Geschichte an junge Menschen hervor und bezog sich dabei auch auf seine eigene Veranstaltung zum Volkstrauertag wenige Stunden zuvor im Landeshaus. Dort hatten Schüler von ihrer aktiven Arbeit mit Zeitzeugen berichtet.

"Der Verein Mahnmal Kilian hat mit seinem beherzten Engagement und seinem Eintreten eine Einrichtung geschaffen, die in der Landeshauptstadt in gesellschafts- und kulturpolitischer Bedeutung ohnegleichen ist", erklärte Kulturminsiterin Spoorendonk. Sie sprach auch davon, wie sie sich als langjähriges Mitglied des Verein Mahnmal Kilian einst "vehement" für den Erhalt des Kilian-Bunkers eingesetzt hatte - eine Position, die sie heute als Ministerin vielleicht so nicht mehr vertreten würde. "Der Verein Mahnmal Kilian hat sich für das Erinnern ausgesprochen und damit der Stadt Kiel und dem Land Schleswig-Holstein einen ganz wichtigen Dienst erwiesen", betonte die Ministerin. An die Vereinsaktiven gewandt fügte sie hinzu: "Wenn man zurückblickt auf das, was ihr geleistet habt, dann kann man sagen: Ihr habt eigentlich von Anfang an weit voraus gedacht ... die kritische Erinnerung ist heute Teil der Identität Deutschlands." In ihrer Rede ging Spoorendok auch auf die anwesende Geschäftsführerin des Kieler Centre Culturel Francais, Catherine Rönnau, ein und sprach ihr Beileid aus für alle Franzosen, die zur Zeit besonders unter dem Terror dieser Welt zu leiden haben.


Kiels Kulturdezernent Wolfgang Röttgers erklärte: "Der Verein Mahnmal Kilian hat einen Ort für Erinnerungsarbeit geschaffen, der von Kielerinnen und Kielern wie auch von zahlreichen Bildungsträgern angenommen wird." Er sei immer wieder positiv beeindruckt, wie vielfältig die Bezüge seien, die der Verein zu den Kriegsereignissen schaffe. Besonders lobte er das neue gläserne Kieler Friedens-Denkmal zum Sammeln von Kriegsspielzeug, denn Krieg, so Röttgers, sei das größtmögliche Unglück, dass über Menschen kommen kann. Das Sammeln von Spielzeugwaffen im Glaskubus sei eine originelle Installation zum Mitmachen und zum Nachdenken anrege, wie so vieles, das der Verein auf den Weg gebracht habe. "Vielen Kielbesuchern steht der Flandernbunker mitten im Weg - und das ist auch gut so", betonte der Kieler Politiker.

"Der Flandernbunker steht heute für das zertrümmerte Kiel, für die vielen Millionen Toten, für die Gefallenen, für die in den Konzentrationslagern und durch sogenannte Einsatzkommandos Ermordeten, für die im Widerstand gegen die NS-Herrschaft sich Opfernden, für die im Bombenkrieg umgekommenen Männer, Frauen und Kinder in dem durch NS-Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieg", erklärte Gerhard Fouquet, Vorsitzender der Bürgerstiftung Gedenkstätten Schleswig-Holstein. In Kiel sei der Flandernbunker zu dem Erinnerungsort Kiels und die gesamte NS-Zeit geworden, stellte der Historiker fest. Er habe sich zum "informellen Zentrum zu den Themen Krieg, Frieden und Nationalsozialismus entwickelt". Er könne in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum zum Ausgangspunkt des Aufbaus eines hauptamtlich betriebenen zentralen Erinnerungsortes, eines historischen Zentrums werden.

"Ein lebendiges Mahnmal" habe der Verein geschaffen, erklärte die Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten Uta Körby. Auch sie lobte in diesem Sinne das neue Kieler Friedens-Denkmal zum Kriegsspielzeug-Sammeln. Mit Blick auf die anwesenden Vertreterinnen und Vertreter der Landes- und Kommunalpolitik mahnte sie aber auch: "Es bedarf in Kiel, wie auch in anderen Bundesländern, eines institutionellen Ortes, an dem eine lebendige Form der Erinnerungskultur gepflegt wird". Die Pädagogin und ehemalige Leiterin der Gedenkstätte Kaltenkirchen fügte hinzu, dass es dabei nicht nur um die historischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts gehe, sondern auch um die Themen Diktatur, Rassismus und Ausbeutung, was die vielen Formen von Krieg und Bürgerkrieg beweisen würden.

Der Verein Mahnmal Kilian ist hocherfreut, dass sich so zahlreiche bedeutende Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Kultur zu seinem 20. Geburtstag eingefunden hatten. Gekommen waren auch Ingrid Lietzow und Wulf Dau-Schmidt als Vorsitzende der Partnervereine Maritimes Viertel und Freunde der Festung Friedrichsort. Mit Ingmar und Annelies Arnold waren sogar zwei der Hauptakteure der "Berliner Unterwelten" angereist, die mit ähnlichen Zielen arbeiten, wie der Verein Mahnmal Kilian. Langjährige Sponsoren des Vereins, wie die Schmiede Lange, Elektro-Hühn und Grünwerk Neumünster waren vertreten. Hauptakteure der Kieler Theaterszene waren dabei, die in der Vergangenheit mehrfach im Flandernbunker für Auftritte gesorgt hatten, etwas das Theater im Werftpark, die Schule für Schauspiel oder das THESPIS-Monodrama-Festival. Ebenso waren Pädagogen und Schulleiter dabei sowie Bildungs-Staatssekretär Rolf Fischer - ein schönes Zeichen für den Aspekt der Bildung im Flandernbunker.

Gekommen waren auch zwei einstige Vereins-Aktive der ersten Stunden: Sönke Petersen und Ernst Mühlenbrink. Sie hatten einst Tausende Menschen über die Ruine des Kilian-Bunkers geführt. Petersen, der heute vor allem im Gießerei-Museum engagiert ist, brachte ein besonderes Geschenk: Einen Teil einer Brandbombe, den er auf dem Gelände des einstigen Lagers für Zwangsarbeit in Neumühlen-Dietrichsdorf ausgegraben hatte. In diesem Lager waren bei einem Bombenangriff fast hundert Zwangsarbeiter getötet worden, weil sie Luftschutzbunker nicht aufsuchen durften.

Alle, die bis zum 15. November ihr Kriegsspielzeug in das Kieler Friedens-Denkmal geworfen hatten, nahmen an einer Verlosung teil: Kiel-Rundflüge sowie Eintrittskarten für den Mediendom und die Kletterparks in Falckenstein und Altenhof warten jetzt auf ihre Einlösung. Musikalisch wurde der Nachmittag mit Friedensliedern von Gerd Sell begleitet, die mehr als einmal unter die Haut gingen. Für das leibliche Wohl sorgten die Sponsoren Steiskal und CITTI-PARK. 

Insgesamt war die Veranstaltung mehr als nur ein Rückblick mit Feier und Laudatio. Sie war auch ein vielfaches Bekenntnis zur Notwenigkeit der Vermittlung von Geschichte zur Friedensförderung und  Völkerverständigung. Der Verein Mahnmal Kilian arbeitet aktiv mit in der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten sowie im Begleitausschuss Erinnerungskultur der Landeshauptstadt Kiel. Ziel ist die Schaffung eines vergrößerten angemessenen Zentrums für die Arbeit in Kiel sowie die Schaffung von festen Arbeitsstellen dafür. Dabei gerät das ehemalige Marine-Untersuchungs-Gefängnis nahe der Petrus-Kirche immer mehr in den Fokus. Es könnte die Arbeit im Flandernbunker um wichtige Aspekte erweitern wie den Kieler Matrosenaufstand und die Auseinandersetzung mit dem NS-Unrechtssystem. Ohne Ehrenamt aber soll und wird es auch in Zukunft nicht gehen.

Allen Beteiligten und Helfern, allen Gästen an diesem besonderen Tag, sei vielfach gedankt!