Mahnmal Kilian e.V. gibt sowjetischen Zwangsarbeitern nach 70 Jahren endlich ein Gesicht

Als Zwangsgarbeiter 1944 durch Bombe getötet: Fjodor Grinjow, russischer Soldat und gelernter Landarbeiter, gestorben im Alter von 24 Jahren

Anlässlich des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar hat der Verein Mahnmal Kilian heute auf dem Kieler Nordfriedhof bislang unbekanntes Aktenmaterial zu 31 ehemaligen sowjetischen kriegsgefangenen Zwangsarbeitern an die Friedhofsleitung und das Kieler Stadtarchiv übergeben. Zu der symbolischen Übergabe waren zahlreiche MedienvertreterInnen erschienen.

Die Toten sind seit 1949 anonym auf diesem Friedhof bestattet. Sie waren bei einem Bombenangriff auf die Kieler Werften in ihrem Barackenlager am Speckenweg in Kiel- Dietrichsdorf am 23. Juli 1944 umgekommen. Als Zwangsarbeiter durften sie keine Bunker oder Luftschutzkeller aufsuchen. Damit kann nun zumindest einigen der insgesamt 209 dort bestatteten sowjetischen Kriegsgefangenen endlich ein Name zugeordnet werden.

Neben der Friedhofsleitung mit Frank Wunder waren Johannes Rosenplänter vom Kieler Stadtarchiv und der Vorsitzende der Deutsch-Russischen Gesellschaft Kiel Hans-Friedrich Möller anwesend. Der Verein Mahnmal Kilian war vertreten durch Historiker Dr. Lars Hellwinkel, Anja Manleitner  vom vereinseigenen Kriegszeugenprojekt sowie Dr. Henning Repetzky und Dr. Jens Rönnau (Vorstand).

Hellwinkel und Rönnau erläuterten die Hintergründe sowie Überlegungen, wie man auch in der Bildungsarbeit mit dem gefundenen Material umgehen könnte.

Die Archivfunde entdeckte Dr. Hellwinkel, als er zur Geschichte des Flandernbunkers in der niedersächsischen Gedenkstätte Stiftung Lager Sandbostel recherchierte. An ihrem Ort befand sich zur NS-Zeit das „Stalag X B“ (Kriegsgefangenenlager bei Sandbostel). Von dort aus wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen von der Wehrmacht zum Arbeitseinsatz im damaligen Wehrkreis X gezwungen, zu dem auch das heutige Bundesland Schleswig-Holstein gehörte. Viele von ihnen wurden in Kiel in der Rüstungsindustrie und im Bunkerbau eingesetzt, unter anderem auch zum Bau der U-Bootbunker. Die 1944 bei dem Bombenangriff getöteten 98 Menschen  wurden zunächst in einem Massengrab am Speckenweg bestattet, dann 1949 auf den Nordfriedhof umgebettet.

Das gefundene Material umfasst neben einer Verlustliste der „Marinebaubereitschaftsabteilung“ mit 31 Namen sogar 20 Personalkarten, die meisten davon auch mit Portraitfotos und Gefangenennummer.

Mit der Übergabe möchte der Verein Mahnmal Kilian deutlich machen, dass zum Thema Zwangsarbeit in Kiel noch erheblicher Forschungsbedarf besteht. Insbesondere aber sollen die bislang unbekannten Opfer nach über 70 Jahren der Anonymität entrissen werden.

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