Ein Tropfen Blut fürs Vaterland

Szenische Lesung mit Siegfried Jacobs und Norbert Aust im Flandernbunker

Ein Tropfen Blut fürs Vaterland

12. Januar 2019

Siegfried Jacobs und Norbert Aust vom Verein Theatermuseum Kiel sitzen in improvisierter Fliegerkluft mit Fliegerkappe und schwarzen Lederstiefeln an einem spartanischen Tisch und tragen Texte der Jagdflieger des Ersten Weltkriegs Oswald Bölcke, Hermann Göring, Max Immelmann und Manfred von Richterhofen vor. Hinter ihnen ein flimmern historische Filmszenen mit Kampfpiloten und Militärszenen des ersten Weltkriegs über die Leinwand, Jagdflieger und Eisernes Kreuz in Endlosschleife.

So rücken die Tagebuchauszüge aus einer anderen Zeit in die Gegenwart, Texte aus einer Welt von Jägern und Gejagten, von Helden und Opfern. Junge Männer schreiben Kindern gleich  in einem Räuber und Gendarmenspiel. Wer dem elenden Hund von Gegner wie viele Kugeln in den Pelz gejagt hat, wie geschickt er dieses und jenes Manöver geflogen ist. Actionszenen eines Spielfilms. Dazwischen Briefe an die Lieben zu Hause, Urlaubsgrüße von der Front. Mitunter dramatisch-schwer oder ironisch-verzerrt vollenden Zwischenspiel von Cellistin Bettina Günst und Kontrabassist Markus Günst nebst Soundeffekten das befremdliche Gesamtkunstwerk. Im Geiste der Helden erklingt das Deutschlandlied.

So übertrieben, so schmerzhaft das in den Ohren der Zuhörer klingt, gleichsam mag man sich in den Sog von Heldentum und Kriegsspiel der Zeit, natürlich auf der Seite der „Guten“, zumindest einmal gedanklich hineinversetzen. Eine Faszination, die auch in Kriegen der Gegenwart immer noch junge Menschen auf die „Schlachtfelder“, an die Waffen lockt. Die Grausamkeit des Kriegs, die Sinnlosigkeit von Leid, Qual und Tod finden hier keinen Platz.

Man erahnt die Kriegsrhetorik des späteren NS-Reichsministers und Oberbefehlshaber der Luftwaffe Göring, seine Texte heben sich unverkennbar von denen der anderen ab, auf groteske Weise geschliffen und brillant zugleich.

Im Anschluss an die Vorstellung entspinnt sich eine angeregte Diskussion moderiert von Jens Rönnau, dem Ersten Vorsitzenden des Vereins Mahnmal Kilian e.V. Aus einer hinteren Ecke des Raums tritt Seemann, Flieger und Künstler Clemens Richter in authentischer Flieger-Pelzjacke vor das Publikum. Eindrücklich beschreibt er, wie man sich so fühlt, im Cockpit eines offenen Doppeldeckers. Er hat selber einen Kiebitz-B-Doppeldecker  weitgehend originalgetreu nachgebaut, den er auch fliegt. „Die Angst kommt erst hinterher“ beschreibt er seinen Gefühlszustand, als er mit einem technischen Defekt notlanden musste. „Man funktioniert einfach.“ Zu Hause in dem Thema Fliegerei im Ersten Weltkrieg sagt er, man müsse auch die andere Seite sehen, das Trauma, mit dem  viele Kampfflieger und Soldaten zurückbleiben, nachdenklich werden.

Die Bilder der Fliegerhelden des Ersten Weltkriegs haben sich ihm derart eingebrannt, dass er Fotos von sich und seiner Frau aus dem Cockpit des Doppeldeckers mit Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg zu Kollagen verarbeitete.

Die großformatigen Werke sind im Rahmen einer Ausstellung noch bis März 2019 im Flandernbunker zu sehen.

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